Schwanzspitzennekrose beim Hund

Das Thema Ohr­rand­ne­krose ist vie­len Hun­de­be­sit­ze­rIn­nen geläu­fig, vor alle wenn der eigene Hund mit lang hän­gen­den oder spitz ste­hen­den Ohren betrof­fen ist. Aber wuss­test du, dass es auch einen Schwanz­spit­zen­ne­krose gibt? Betrof­fene sind davon vor allem Wind­hunde, mit ihren sehr zar­ten und lan­gen Schwän­zen. Bei ihnen tritt eine Nekrose an der Schwanz­spitze („tail-tip necro­sis“) häu­fi­ger auf, vor allem durch lokale Trau­mata (z. B. Happy Tail), sekun­där nach Infektionen/​Verletzungen oder durch ischä­mi­sche Ver­än­de­run­gen bei vas­ku­li­ti­schen Pro­zes­sen.

 

Vaskulitis und Ischämie kurz erklärt:

Eine Vas­ku­li­tis bezeich­net die Ent­zün­dung der Blut­ge­fäße. Dabei ver­än­dern sich die Gefäß­wände in denen dann Ent­zün­dungs­zel­len ein­ge­la­gert wer­den, Schwel­lun­gen (Ödeme) kön­nen ent­ste­hen, die Gefäße ver­en­gen sich (Lumen­ein­en­gung) und Mikro­throm­ben (kleine Blut­ge­rinn­sel) kön­nen ent­ste­hen. Aus­ge­löst durch eine anhal­tende Min­der­durch­blu­tung, die soge­nannte Ischä­mie, wel­che u.a. Nekro­sen und Ulzer­a­tio­nen (Geschwüre) ver­ur­sacht.

Ohren und Schwanz­spit­zen sind am häu­figs­ten betrof­fen, da sie weit ent­fernt vom Kör­per und mit sehr klei­nen Gefä­ßen ver­se­hen sind. Zusätz­li­che gibt es hier kei­nen gro­ßen Gewe­be­puf­fer, so dass schon Klei­nig­kei­ten zu Durch­blu­tungs­min­de­run­gen füh­ren kann.

Eine Vas­ku­li­tis kann jedoch auch immun­ver­mit­telt sein, das bedeu­tet, dass das Immun­sys­tem Immun­kom­plexe bil­det, wel­che sich in den klei­nen Gefä­ßen abla­gern, so füh­ren sie zu Ent­zün­dun­gen, ver­en­gen dazu die Gefäße, das Blut fließt schlech­ter und eine Ischä­mie (Min­der­durch­blu­tung) ent­steht, das Gewebe stirbt ab und die Nekrose ist gege­ben.

Ursa­che für die Min­der­durch­blu­tung und deren The­ra­pie wer­den i.d.R. tier­ärzt­lich abge­klärt, unbe­han­delt kann es chro­nisch wer­den und dau­er­haft zu Schmer­zen, Infek­tio­nen bis hinzu Teil­am­pu­ta­tion füh­ren.

 

Was können mögliche Ursachen sein?

  • Mecha­ni­sches Trauma / „Happy Tail“: Wie­der­hol­tes kräf­ti­ges Ansto­ßen der Schwanz­spitze gegen harte Flä­chen → chro­ni­sche Wun­den ent­ste­hen, damit sekun­däre Infek­tio­nen, ggf. Gewe­be­ver­lust.
  • Kutane Vas­ku­lit­i­den / ischä­mi­sche Der­ma­topa­thien: Immun­kom­plexe (wie eben erklärt) oder andere immune Reak­tio­nen, die Blut­ge­fäße angrei­fen oder lokal für Min­der­durch­blu­tung sor­gen und somit für Nekro­sen.
  • Sekun­däre Infek­tion nach Ver­let­zung inkl. tie­fe­rer Infek­tio­nen bzw. Osteo­mye­li­tis bei schwe­rer Wunde.
  • Druck, dau­er­hafte Rei­bung, schlechte Lage­rung (bei sta­tio­nä­rer Hal­tung).
  • Andere sel­tene Ursa­chen: throm­bo­em­bo­li­sche Ereig­nisse, nekro­ti­sie­rende Der­ma­to­sen, neo­plas­ti­sche Pro­zesse.

 

Wie sehen typische, klinische Befunde aus?

  • Haar­ver­lust, Krus­ten, offene wunde/​narbige Stel­len an der Schwanz­spitze
  • Schwarze Ver­fär­bung des Gewe­bes (Nekrose) oder schmerz­haf­tes, blu­ten­des Gewebe
  • Schwel­lung, Eiter­aus­fluss oder Geruch bei Infek­tion

Bei vas­ku­li­ti­scher Genese: wei­tere Läsio­nen an Ohr­rand, Bal­len oder sys­te­mi­sche Anzei­chen wie Fie­ber und Apa­thie.

 

Was sieht die Gängige Diagnostik beim Tierarzt aus?

  • Ana­mnese: Dauer, Beginn nach Trauma (z. B. häu­fi­ges Wedeln), Imp­fun­gen, Medi­ka­mente, vor­he­rige Wun­den
  • Kli­ni­sche Unter­su­chung (Haut­sta­tus, Lymph­kno­ten, Sys­tem­sta­tus)
  • Wund­ab­strich / Kul­tur bei eitrigem/​nässendem Befund
  • Blut­un­ter­su­chun­gen (Ent­zün­dungs­werte, evtl. Sero­lo­gie bei Ver­dacht auf Infek­tio­nen oder sys­te­mi­sche Erkran­kung)
  • Histo-/Bi­op­sie zur Abgren­zung zwi­schen ech­ter Vas­ku­li­tis und rein ischä­mi­scher Nekrose.
  • Bild­ge­bung (Röntgen/​MRT) – nur bei Ver­dacht auf tiefe Betei­li­gung bzw. Osteo­mye­li­tis.

 

Welche Therapeutischen Maßnahmen sind möglich?

  • Akute Wund­ver­sor­gung: Ent­fer­nen abge­stor­be­ner Anteile, Rei­ni­gung, ste­ri­ler Ver­band; Schmerz­the­ra­pie.
  • Infek­ti­ons­be­hand­lung: Sys­te­mi­sche Anti­bio­tika nach Kultur/​Empfindlichkeit wenn indi­ziert.
  • Bei Happy Tail: Schutz vor Selbst­trauma durch Ban­da­gen, Pols­te­rung, bei rezi­di­vie­ren­den, nicht hei­len­den Läsio­nen evtl. chir­ur­gi­sche Lösung (par­ti­elle Amputation/​Schwanzkürzung).
  • Bei Vas­ku­li­tis: Immun­sup­pres­sive / immun­mo­du­lie­rende The­ra­pie (z. B. Glukokortikoide/​Immunsuppressiva) je nach Befund; Behand­lung der aus­lö­sen­den Ursa­che falls bekannt.
  • Ernäh­rungs­ba­sierte Unter­stüt­zung des Immun­sys­tems und der Haut­bar­riere. (nach­fol­gend mehr dazu)
  • Vor­beu­gung im Win­ter: Kälte redu­ziert die Durch­blu­tung von dün­nem, unge­schütz­ten Gewebe. Schutz durch Sal­ben bie­ten Melk­fett, Kokosöl, Micro­sil­ber­cremes oder Manu­ka­sal­ben. (Bitte beachte was bei intak­tem oder bereits geschä­dig­tem Gewebe genutzt wer­den kann.)

 

Wie kann ich mit Ernährung Unterstützen?

  • Omega-3-Fett­säu­ren (EPA/DHA) : redu­ziert ent­zünd­li­che Pro­zesse (Zyto­kine ↓), ver­bes­sert Mikro­zir­ku­la­tion und Haut­qua­li­tät, kann bei immun­ver­mit­tel­ten Haut­krank­hei­ten posi­tive Effekte zei­gen
  • Omega-6-Fett­säu­ren (im Ver­hält­nis): Lin­ol­säure ist wich­tig für die Haut­bar­riere (Nachtkerzenöl/​Borretschöl), es redu­ziert tran­s­epi­der­ma­len Was­ser­ver­lust und kann Ent­zün­dungs­re­ak­tio­nen gemein­sam mit Omega‑3 modu­lie­ren.
  • Anti­oxi­dan­tien – sinn­voll für Gefäß­schutz, denn vas­ku­li­ti­sche Pro­zesse bedeu­ten oxi­da­tiver Stress: Vit­amin E (Haut­schutz, Durch­blu­tung), Vit­amin C (Gefäß­sta­bi­li­tät).
  • Mikro­nähr­stoffe – bei Wund­hei­lungs­pro­ble­men wich­tig: Zink (unter­stützt Bar­riere, Immun­funk­tion und Wund­hei­lung), B‑Vitamine (wich­tig für Gefä­ßen­do­thel, unter­stüt­zen Nerven/​Regeneration), Kup­fer (wich­tig für Kol­la­gen- und Gefäß­wand­sta­bi­li­tät)
  • ange­passte Ernäh­rung: hoch­wer­tige Pro­te­in­quel­len, essen­ti­elle Ami­no­säu­ren (v. a. Argi­nin – unter­stützt die Gefäße)

Hin­weis: Bei einer ech­ten Vas­ku­li­tis ist Ernäh­rung nur unter­stüt­zend.

 

Wie kann ich Phytotherapeutisch unterstützen?

  • Ginkgo biloba: ver­bes­sert Mikro­zir­ku­la­tion, wirkt gefäß­er­wei­ternd, ist leicht anti­ent­zünd­lich als auch anti­oxi­da­tiv (Rück­spra­che mit Tier­arzt bei Medi­ka­men­ten wegen Wech­sel­wir­kun­gen)
  • Kur­kuma (Cur­cu­min), wirkt stark ent­zün­dungs­hem­mend, anti­oxi­da­tiv und unter­stützt die Gefäß­ge­sund­heit. Für eine bes­sere Auf­nahme ein Sup­ple­ment mit Pipe­rin oder lipo­so­mal. Bei immun­ver­mit­tel­ten Pro­zes­sen oft hilf­reich.
  • Weih­rauch (Bos­wel­lia ser­rata), ent­zün­dungs­hem­mend, gut ver­träg­lich, regu­liert über­schie­ßende Immun­ant­wor­ten, kann bei chro­ni­schen Haut­ent­zün­dun­gen sehr sinn­voll sein.
  • Mari­en­dis­tel (Sily­ma­rin), wirkt anti­oxi­da­tiv, leber­un­ter­stüt­zend und ist hilf­reich, bei zusätz­li­chen Glu­ko­kor­ti­ko­iden.

Hin­weis: Phy­to­the­ra­pie sollte gezielt und nicht wild kom­bi­niert ein­ge­setzt wer­den. Es gilt nicht: “Viel hilft viel, son­dern weni­ger ist mehr”. (Ich berate dich gern dazu.)

 

Pfotenfunk-Fazit:

Eine aku­ten Schwanz­spit­zen­ne­krose kann man oft­mals vor­beu­gen und ein­fa­che trau­ma­ti­sche Läsio­nen kön­nen fix hei­len, wäh­rend chro­ni­sche „Happy Tail“-Fälle oft rezi­di­vie­rend und manch­mal nur durch chir­ur­gi­sche Kür­zung dau­er­haft zu kon­trol­lie­ren sind. Vas­ku­li­ti­sche Ursa­chen hin­ge­gen kön­nen einer lang­fris­ti­gen Behand­lung erfor­dern und Rück­fälle inklu­die­ren, je nach dem ob es sich um einen aku­ten oder chro­nisch rezi­di­vie­ren­den Fall han­delt.

 

Quellen und Fallberichte

1. Cuta­neous Vas­cu­li­tis in Small Animals—review (PMC)—guter Über­sichts­ar­ti­kel zu kuta­ner Vas­ku­li­tis, Patho­ge­nese, Dia­gnos­tik und The­ra­pie; erklärt warum Schwanz­spitze und Pin­nae betrof­fen sind. https://​pmc​.ncbi​.nlm​.nih​.gov/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​P​M​C​7​1​2​4​2​13/

2. Merck Vete­ri­nary Manual / MSD Vet Manual—Vasculitis, pin­nal lesions—praktische kli­ni­sche Ori­en­tie­rung zu pin­na­ler/­tail-Betei­li­gung bei Vas­ku­lit­i­den. https://​www​.merck​vet​ma​nual​.com/​d​o​g​-​o​w​n​e​r​s​/​i​m​m​u​n​e​-​d​i​s​o​r​d​e​r​s​-​o​f​-​d​o​g​s​/​d​i​s​o​r​d​e​r​s​-​i​n​v​o​l​v​i​n​g​-​i​m​m​u​n​e​-​c​o​m​p​l​e​x​e​s​-​t​y​p​e​-​i​i​i​-​r​e​a​c​t​i​o​n​s​-​i​n​-​d​ogs

3. „Happy Tail Syn­drome in Dogs“—PetMD (Über­sicht, Management)—gutes, vete­ri­när­prak­ti­sches Review zu Mecha­nik, kon­ser­va­ti­ver The­ra­pie und Indi­ka­tio­nen zur Ampu­ta­tion. https://​www​.petmd​.com/​d​o​g​/​c​o​n​d​i​t​i​o​n​s​/​b​e​h​a​v​i​o​r​a​l​/​h​a​p​p​y​-​t​a​i​l​-​s​y​n​d​r​o​m​e​-​d​ogs

 

4. Case report: Twice ampu­ta­ted tail with AMR infec­tion (PDF, Willingsford)—Fallbericht einer schwe­ren, rezi­di­vie­ren­den Schwanz­ver­let­zung mit sekun­dä­rer Infektion/​Amputation (nütz­lich für prak­ti­sche Behand­lungs­über­le­gun­gen). https://​wil​lings​ford​.com/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​2​5​/​0​1​/​T​w​i​c​e​-​a​m​p​u​t​a​t​e​d​-​t​a​i​l​-​w​i​t​h​-​A​M​R​-​i​n​f​e​c​t​i​o​n​-​i​n​c​l​u​d​i​n​g​-​i​n​-​t​h​e​-​b​o​n​e​-​o​s​t​e​o​m​y​e​l​i​t​i​s​.​pdf

5. Royal Canin / Aca­demy: Cuta­neous Vas­cu­li­tis in Dogs—veterinärpädagogische Über­sicht, kli­ni­sche Bil­der, betrof­fene Loka­li­sa­tio­nen (Tail/​pinnae/​pads).

https://​aca​demy​.royal​ca​nin​.com/​e​n​/​v​e​t​e​r​i​n​a​r​y​/​c​u​t​a​n​e​o​u​s​-​v​a​s​c​u​l​i​t​i​s​-​i​n​-​d​ogs

6. Der­ma­Vet / Pro Arti­kel: Pin­nal lesi­ons & vas­cu­li­tis case dis­cus­sions (inkl. Impf­re­ak­tio­nen als Auslöser)—nützlich, weil dort kon­krete Fälle beschrie­ben wer­den, inkl. the­ra­peu­ti­scher Ent­schei­dun­gen. https://​pro​.der​ma​vet​.com/​c​a​n​i​n​e​-​v​a​s​c​u​l​i​t​is/